Konzert N°6  |  Festsaal der Stella Musikhochschule Feldkirch


#Erlösung

Wo der Himmel offen steht

 

 Pforte um 7  |  Konzert leger: Do 12. November, 19 Uhr

Pforte um 8  |  Konzert & Buffet: Fr 13. November, 20 Uhr

 

Impuls um halb  |  Do 18.30 Uhr & Fr 19.30 Uhr im Erdgeschoss des Pförtnerhauses

«Als Kind empfand ich besondere Freude daran, etwas zusammen zu bauen. Ich habe mit einem Uhu-Stick kleine Elemente aneinandergeklebt, woraus dann ein Geigenstück entstand. Das waren meine ersten Kompositionsversuche.» Wo diese ersten Versuche die inzwischen etablierte Komponistin Tanja Elisa Glinsner hingeführt haben, erfahren wir von ihr im Gespräch mit Klaus Christa.

 

 

 

Programm


Vilma von Webenau (1875–1953)
Vergebliches Ständchen


Tanja Elisa Glinsner (*1995)
AN_KUNFT oder «weiter führt kein Strahl …» für Gesang und Orchester UA

 

Ludwig van Beethoven (1770–1827)
Symphonie N°5 c-Moll op. 67

 


Ausführende


Tanja Elisa Glinsner Gesang
Joel Bardolet Konzertmeister
Pforte Kammerorchester Plus

&

Tanja Elisa Glinsner  Impuls um halb

Erlösung

 

Vom Jubel der Pausenglocke in der Kindheit bis zum strahlenden Ausbruch in Beethovens 5. Symphonie –
eine Reise durch die Zeit eines Menschenlebens und wohin sie uns führen kann.

 

Der erste Moment in meinem Leben, in dem das Wort Erlösung für mich von Bedeutung wurde, führt mich in meine Volksschulklasse vor über einem halben Jahrhundert. Als Erstklässler besaß ich weder eine Uhr noch hing eine im Klassenzimmer. Aber samstags um Zwölf, wenn die Sirenen aufheulten, jubelte mein Herz, weil ich wusste, in wenigen Minuten würde mich die Pausenglocke in die Freiheit des Wochenendes entlassen. Die zehn Minuten Glückseligkeit dieser Erlösungs-Gewissheit zwischen 12 und 12.10 Uhr sind mir immer noch eine herrliche Erinnerung.

 

Wir werden älter und unser Leben wird komplexer, die Erlösungs-Momente wandeln sich und erlösen uns nicht mehr auf dieselbe Art und Weise wie in unserer Kindheit. Wir haben gelernt zu planen, fällen Entscheidungen für uns und andere und tragen damit
Verantwortung, die zwangsläufig auch Sorgen mit sich bringt. Damals ging ich um 12.10 Uhr völlig befreit aus der Schule, als gäbe es keinen Montagmorgen. Der drohende Montag lässt sich mit zunehmendem Alter nicht mehr so leicht ausblenden, doch tun sich im Erwachsenenleben neue Türen auf: Wir entdecken, dass Erlösung nicht notwendig an Problem-Lösung gebunden ist. Dieser Weg beginnt mit unserer ersten bewussten Erfahrung von Erlöstsein, ohne dass sich unser äußeres Leben auch nur im Geringsten gewandelt hat. Aber in uns hat sich etwas verändert und das kann reichen, uns befreit, erleichtert, eben er-löst, zu fühlen. Love it, der erste Teil des bekannten Satzes Love it, change it or leave it, meint Erlösung ohne äußere Änderung. Haben wir das erst einmal verstanden, können wir uns darin ein ganzes Leben lang üben.

 

Beethovens 5. Symphonie ist eine klingende Metapher für diesen inneren Weg, der unser Leben so viel reicher machen kann. Beethoven nimmt sich für diesen Prozess der Wandlung vier Sätze lang Zeit. Während im 1. Satz eine Sehnsucht mit unglaublicher Vehemenz an unsere Tür pocht, vermittelt der 2. Satz ein Gefühl von Frieden und Erlösung und lässt erahnen, dass das Leben auch
einfach und leicht sein kann. Hier entsteht eine innere Gewissheit, dass Erlösung möglich ist. Der Beginn des 3. Satzes – ein Scherzo – führt uns zurück in eine tragische Dunkelheit, während in dessen zweiten Teil, dem Trio, die Musik wieder von mehr Licht und beherzt Kämpferischen durchdrungen ist. Mit der Rückkehr zum Beginn des Scherzos drohen wir wieder, im Dunkel
zu versinken. Im tastenden Übergang zum 4. Satz dehnt sich diese düstere Spannung schmerzvoll aus und lässt die Hoffnung beinahe schwinden. Was im 4. Satz folgt, ist ein Vulkanausbruch der Erleichterung, der ins strahlende Licht führt. Es ist, als ob Beethoven das Leben abbilden wollte: die pochende Sehnsucht des 1. Satzes, der hoffnungsgebende 2. Satz, ein 3. Satz, der uns auf
den Boden der harten Realität zurückholt, um uns dann im 4. Satz von den Schmerzen zu erlösen.

 

Dieser 4. Satz in C-Dur könnte die offizielle Hymne der Erlösung sein. Im 18. Jahrhunderts war es üblich,
jeder Tonart Eigenschaften zuzuweisen und so schrieb Christian Schubart 1784 über die Tonart C-Dur: ganz rein. Sein Charakter heißt: Unschuld, Einfalt, Naivität, Kindersprache. Und für Cramer verströmt C-Dur 1786 eine Mischung von heiterer Fröhlichkeit und sanftem Ernst.

 

Oder hören wir, wie E. T. A. Hoffmann den Beginn des 4. Satzes erlebt: Mit dem prächtigen, jauchzenden Thema des Schlußsatzes, C dur, fällt das ganze Orchester, dem jetzt noch kleine Flöten, Posaunen und Kontrafagott hinzutreten, ein, – wie ein strahlendes, blendendes Sonnenlicht, das plötzlich die tiefe Nacht erleuchtet.

 

Klaus Christa

 

Interview mit Tanja Elisa Glinsner
von Klaus Christa


Else Lasker-Schüler ist dir ja ganz nah, wenn ich dich in unserem Gespräch richtig verstanden habe?
In meinen Werken habe ich mich bereits mehrfach mit dem Schaffen von Dichterinnen – insbesondere des 20. Jahrhunderts – auseinandergesetzt, darunter etwa Nell Walden, Henriette Hardenberg, Maria Luise Weissmann, Ingeborg Lacour-Torrup und Claire Goll. Bei der Auswahl der Texte, die ich als Grundlage meiner Werke oder als Impulsgeber im Kompositionsprozess verwende, achte ich besonders darauf, ob die in ihnen verarbeiteten Symbole mich auf eine besondere Weise ansprechen. Diese
Gedichte und Symbole geben nicht nur eine inspirative Grundstimmung vor, sondern dienen – gerade in frühen Schaffensphasen – auch als Vorlage für sogenannte Manifestations-Meditationen. Sie sind für mich im Kompositionsprozess unerlässlich, um die symbolhaften Bedeutungsschichten der Texte in die Musik einzuarbeiten. Je stärker ein Text in die musikalischen Schichten einfließen kann, desto tiefer und klarer wird – so meine persönliche Überzeugung – der «Sprechgesang» des Klangs selbst. Mit den Texten von Else Lasker-Schüler kam ich erstmals 2021 in Berührung: für mein Werk Eine Stimme steht im Dunkel ... für Streichquintett, Schlagwerk und Altsolo, das vom Kirchklang-Festival und DirigentenmMartin Haselböck in Auftrag gegeben wurde. Es basierte auf Elisabeth Meinhards Gedicht Die Stimme aus dem Dunkel sowie auf Lasker-Schülers Ankunft. Dieses Werk
war ein Versuch, den Weg vom Gefühl des Heimwehs hin zu einer (vermeintlichen?) Heimkehr darzustellen – eine Suche nach dem Selbst, voller Umwege und Hindernisse.

 

Wie dürfen wir uns den Prozess des Komponierens vorstellen? Wie gehst du an das Stück heran bzw. welche Schritte vollziehst du auf diesem Weg?
Zu Beginn steht die Textsuche – die Suche nach den richtigen Symbolen und Metaphern. Dabei ist es mir ein besonderes Anliegen, auch die im Urauführungskonzert geplanten anderen Werke – in diesem Fall Beethovens 5. Symphonie – dramaturgisch in das neue Werk einzubeziehen: sei es durch die Verwendung kleiner Zitate, durch eine stimmungsvolle Anknüpfung an dieselbe
Atmosphäre, aus der sich das neue Werk allmählich entfaltet oder durch einen bewusst gesetzten, unmittelbaren Kontrast. Danach formuliere ich ein Konzept als Vorlage für das Werk, welches eine Weile reifen sollte, bevor der eigentliche Schreibprozess beginnt. Denn: Jedes Werk, jede Thematik braucht eine eigene Herangehensweise und begegnet dem/der Komponist:in mit seinen ganz eigenen Herausforderungen und Fragestellungen. Daher: Umso länger die Grundidee reifen kann, desto logischer erscheinen einem später die Antworten, die einem das Stück im Prozess dann gibt.

 

Was löst das Jahresmotto in dir aus, was bewegen diese Worte Else Lasker-Schülers in dir?
Das Jahresmotto Es pocht eine Sehnsucht an die Welt –vor allem unter der Berücksichtigung, aus welchem Gedicht Else Lasker-Schülers es stammt, stellt für mich einen eindeutigen Fingerzeig auf die verheerenden gesellschaftspolitischen Verhältnisse des heutigen weltweiten Alltags dar sowie einen Appell der intensiven Auseinandersetzung und Bewusstmachung an jedwedes Individuum. Beim Lesen steigen Gefühle einer tiefenSehnsucht und eines existenziellen Heimwehs in mir auf. Umso bedeutsamer erschien mir daher der ahnungsvolle Titel des Schlusskonzerts Erlösung, da er mir als Komponistin die Möglichkeit gibt, einen symbolischen Bogen zu schlagen: vom festivaltitelgebenden Gedicht Weltende Lasker-Schülers, das vom Gefühl des Ausgelie-fertseins an das Leben selbst spricht, hin zur Erlösung. Ganz gleich, auf welche Weise ein Mensch von existenziellen Katastrophen betroffen sein mag – es liegt doch in der Natur des Menschen, nach Heimat und Ankunft zu streben, unabhängig davon, wie diese individuell empfunden oder definiert werden. Aus diesem Grund wird das neue Werk den Titel AN_KUNFT oder «weiter führt kein Strahl …» tragen und einen Entwicklungsprozess zwischen den Zuständen der beiden Gedichte Weltende und Ankunft nachzeichnen. Im Vordergrund soll dabei weder das Verharren im Weinen, im Chaos, in der Dunkelheit oder in der Katastrophe stehen, noch die bloße Suche nach einem Ort der Ankunft, sondern die Ankunft selbst. ... O, wie mich leise eine süße Weise betönt … – in ebenjener sollen verschiedene Gedichte und Texte von Else Lasker-Schüler Eingang finden wie Traum, Blau wird es in deinen Augen und dein Herz ist wie die Nacht so hell, die als ebendiese «süße Weise», Erinnerungen an eine vergangene und verlorene Heimat verstanden werden können.

Else Lasker-Schüler musste 1939 nach Palästina emigrieren und kehrte aus dem Exil nicht mehr zurück. Diesem Umstand möchte ich mit meinem Werk Rechnung tragen: Ausgehend von der Verzweiflung und der Endgültigkeit des Exils darf es nun doch eine Ankunft, eine Erlösung sowie Hoffnung geben.