Konzert N°2 | Pforte im Frauenmuseum
#Zartheit
Wo das Leise trägt
Sa 18. April, 17 Uhr | Frauenmuseum Hittisau
Programm
Elisabeth Jaquet de la Guerre (1665–1729)
Sonate d-Moll 16
Louis Couperin (1668–1733)
«Les Barriquades Mystérieuses» aus Pièces de clavecin, Vol. 2, Ordre No. 6, 1717
Georg Philipp Telemann (1681–1767)
aus den «Methodischen Sonaten», 1728, op. XIII
Sonata 4ta in D-Dur
Joseph Marie Clément Ferdinand Dall’Abaco (1710–1805)
Cappricio in B-Dur für Violoncello solo
Johann Sebastian Bach (1685–1750)
aus «Die Kunst der Fuge»: Canon al roverscio et per augmentationem
für Violine und Violoncello
Sonate G-Dur für Violine und Basso continuo BWV 1021
Pause
Georg Philipp Telemann (1681–1767)
aus den «Methodischen Sonaten», 1728, op. XIII
Sonata 5ta in a-moll
Joseph Marie Clément Ferdinand Dall’Abaco (1710–1805)
Cappricio in e-Moll für Violoncello solo
Johann Sebastian Bach (1685–1750)
Sonate e-Moll BWV 1023 für Violine und Basso continuo
Francesca Caccini (1587–1640)
«Romanesca»
Ausführende
Christine Busch Barockvioline
Anderson Fiorelli Barockvioloncello
Veronika Braß Cembalo
Andrea
Cordula Baur Laute & Theorbe
Die Sprache der Sehnsucht
Wie lässt sich Sehnsucht in Musik fassen? Die Barockzeit fand darauf eine faszinierende Antwort: die Affektenlehre. Sie verbindet Sprache und Ton zu einer emotionalen Rhetorik, die Komponist:innen wie Louis Couperin, Élisabeth Jacquet de La Guerre, Georg Philipp Telemann und Johann Sebastian Bach meisterhaft beherrschten.
In verschiedenen Gefühlen kann sich Sehnsucht äußern – von tiefem Schmerz über das Nicht-Anwesende bis zum zärtlichen Angedenken von etwas Schönem. Um all diese Nuancen von Emotionen in der Musik möglichst gut darstellbar zu machen, wird in der Barockzeit die Affektenlehre entwickelt. Orientiert an der antiken Rhetoriklehre gründet sie sich auf eine enge Verknüpfung von Sprache und Musik und schenkt der Kompositionskunst den klangvollen Titel Musica Poetica. Ganz ähnlich wie mit einem gewissen Tonfall beim Sprechen bestimmte Gefühle beim Gegenüber angesprochen werden, sollen auch «musikalische Redewendungen» Seufzer und Erschrecken in Töne gesetzt, aber auch jeder Tonart werden bestimmte Charakteristika zugeordnet, die der Musik eine zum Affekt passende Färbung geben. Das mag nun recht schematisch klingen, doch so einzigartig wie jeder Mensch empfindet, so individuell ist auch die Umsetzung eines jeden Komponisten und jeder Komponistin.
In seinen Pièces de clavecin gab Couperin vielen der Stücke Titel, sodass der Hörer ein Bild zur Musik im Kopf hat. Über die Bedeutung von Les Barriquades Mystérieuses sind verschiedene
Überlegungen angestellt worden und doch bleibt der Titel rätselhaft. Ein mysteriöses Stück, das – in diesem Programm auf der zarten Laute gespielt – mit kaleidoskopischen
Klangschichtungen den Hörer auf eine sehnsuchtsvolle Reise nimmt. Auf andere «Barriquades» trafen und treffen auch heute noch viele Komponistinnen. Zwar wurden das öffentliche Auftreten und
Komponieren in einigen Fällen gebilligt, doch den Frauen wurde nicht zugestanden, sich als eigenständige Künstlerinnen zu verstehen. Élisabeth Jacquet de La Guerre war in gewissem Sinne
privilegiert, da sie schon als «Wunderkind» vom Sonnenkönig Louis XIV. protegiert wurde. Ihre vielfarbige Sonate in d-Moll beginnt sie mit einer besonders sehnsuchtsvollen Melodie. In den
verschie- denen Sätzen wechselt sie gekonnt zwischen dem französischen und dem italienischen Stil, ebenso wie zwischen Dur und Moll und zeigt, wie meisterhaft sie Affekte in Töne kleiden kann.
Telemann lässt in seinen «Methodischen Sonaten» die Affekte bereits in vielen Satzbezeichnungen anklingen: Cunando (wiegend) oder con tenerezza (mit Zärtlichkeit) geben uns Hinweise auf die
Spielweise. Dies scheint für den besonderen Zweck der Sonaten besonders hilfreich: Telemann verfasste sie neben den «Profis» im Besonderen für Liebhaber:innen und legte die Eingangssätze
jeweils in einfacher wie auch in verzierter, im Affekt noch verstärkter Form vor, um den Ausführenden ein Gefühl für die Verzierungstechnik zu vermitteln.
Der große Meister der Affekte ist sicherlich Bach. In seinen Vokalwerken ist die tiefe Verbindung zwischen Wort und Ton sicht- und hörbar. Doch er braucht die Worte nicht: Seine Instrumentalmusik ist ebenso deutlich und verständlich – Ars poetica.
Felicia Graf