Zu jener Zeit wurde alles in einem mathematischen Zusammenhang gesehen, so auch die Musiktheorie. Die Astronomie unterlag beispielsweise den gleichen mathematischen Regeln und Systemen wie der Tonsatz. Monteverdi wird vorgeworfen, 

die Ordnung des Universums durch das Missachten der bestehenden Praxis zu zerstören. Er widersetzt sich den Vorwürfen

und argumentiert, dass er die «Seconda Prattica»* etablieren möchte. Es ist ihm wichtig, dass das Neue das Alte ergänzt und nicht ersetzt.

 

1595 findet eine seiner zwei Auslandsreisen, während er in Mantua tätig ist, statt. Monteverdi begleitet seinen Arbeitgeber Herzog Vincenzo I. Gonzaga, der einem Aufruf von Kaiser Rudolf II. folgt. Er sollte die Türken, die kurz vor Wien stehen, abwehren. Da der Herzog eine Reise dieses Ausmaßes nicht ohne musikalische Unterhaltung antreten will, übernimmt Monteverdi die Aufgabe des Kapellmeisters. Wenige Jahre später führt ihn seine zweite Reise nach Flandern.

 

In einer Zeit, in der die meisten Musiker_innen ständig auf Wanderschaft sind, mutet es vielleicht eigenartig an, dass Monteverdi nicht mehr von der Welt sieht. Aber mit seiner Anstellung als Kapellmeister am Markusdom in Venedig befindet er sich ab 1614 in einer der wichtigsten musikalischen Metropolen der Welt. Monteverdi sitzt sozusagen an der Quelle und wird im Laufe der Zeit selbst zur Quelle. Musiker aus ganz Europa reisen nach Venedig, um dort die neusten musikalischen Richtungen zu studieren. Monteverdi regt diese Entwicklungen an, «die Welt» kommt zu ihm.

 

Als betagter Mann und musikalischer Superstar hätte er sicherlich die finanzielle Freiheit gehabt, sich zurückzuziehen und in Pension zu gehen. Er aber arbeitet weiter. Nachdem sein achtes Madrigalbuch mit «Madrigali, guerri et amorosi» veröffentlicht ist, komponiert er seine letzten zwei großen Werke: die Opern «Il ritorno d’Ulysse in Partia» und «L’incorazione di Poppea» für Venedigs erstes Opernhaus «San Cassiano». Am 29. November 1643 stirbt er und wird in S. Maria Gloriosa di Frari beigesetzt.

 

Mein erster Kontakt mit Monteverdis Musik als junger Student war eine Werbe-CD eines Plattenverlags, auf der der Eröffnungschor der Marienvesper zu hören war. Er hat mich vollkommen ergriffen und war sicherlich einer der Gründe, warum ich mich damals entschieden habe, mein Leben als Lautenist zu verbringen. Wie konnte so alte Musik so modern und lebendig klingen? Dies ist für mich die Essenz seiner Musik: Sie klingt nach 400 Jahren genauso modern wie sie damals geklungen haben mag. Sie spricht uns als fühlende Menschen an, weil Monteverdi es beherrschte, Leidenschaft durch Musik hörbar zu machen.

 

* Kompositionsform, die der Textverständlichkeit den Vorrang gibt.

 

 

Thomas C. Boysen

 

 

zurück zum Konzert