Die erhaltene Handschrift dieser Partitur zeigt uns Notenblätter, die wie perfekte Kalligraphien aussehen: schwungvolle Federstriche in vollkommener Schönheit, die Schubert in schlafwandlerischer Sicherheit zu Papier gebracht hat. Auf manchen Seiten sah sich Schubert gezwungen, Korrekturen vorzunehmen. Auch diese Blätter wirken auf ihre Art schön und vital, aber die Federspuren der Streichungen lassen erkennen, wie eilig er gearbeitet haben muss. Einerseits zeigt sich uns in diesem Autograph ein stiller Fluss und andererseits diese fiebrige Aufgeregtheit mit all ihren Stromschnellen und Wasserfällen. Es muss ein Moment

in Schuberts Leben gewesen sein, in dem für ihn «alles» auf dem Spiel stand. Ein Seelenzustand zwischen Leben und Tod, Hoffnung und Verzweiflung, zwischen Aufgeben und Auferstehen. Auch jene, die der Notenschrift nicht mächtig sind, können das erkennen.

 

Was könnte der Grund für diese extreme Aufgewühltheit gewesen sein?

Am 21. März 1826 wohnte Schubert einer Aufführung von Beethovens Streichquartett op. 130 bei und anschließend komponierte er für zwei Monate kaum einen Ton. Diese Begegnung muss Schubert in einen Schockzustand versetzt haben, was besonders der letzte Satz – die Große Fuge – durchaus auch heute noch vermag. Sie war sicher das Wildeste, was bis dahin geschrieben worden war und Schubert wurde wohl von ihrem radikalen Ausdruck und der Kompromisslosigkeit tief getroffen. Nachdem Schubert diesen Zustand des Gelähmtseins überwunden hatte, beschloss er Ende Mai, den ihm von Beethoven eröffneten Weg weiterzugehen.

 

Ich denke, es ist nicht vermessen, Schuberts Streichquartett nach der Großen Fuge als das radikalste Werk jener Zeit zu betrachten. Schubert muss von einer leidenschaftlichen Emotion durchdrungen gewesen sein, die an Intensität kaum übertroffen werden kann. Für mich ist es sehr wahrscheinlich, dass Beethoven mit seinem radikalen Werk Schubert ermutigte, der eigenen Leidenschaft einen für jene Zeit vielleicht ungeschönten, oder zumindest ungewohnt direkten Ausdruck zu verleihen.

 

Von der Liebe

Wenn Khalil Gibran über die Liebe schreibt, dann vermeine ich denselben Tonfall zu vernehmen, wie im Streichquartett von Franz Schubert:

 

«Denn wie die Liebe dich krönt, so kreuzigt sie dich. Wie sie dich wachsen lässt, schneidet sie dich zurecht. Und wie sie

zu deiner Höhe emporsteigt und dort die zartesten Zweige liebkost, die durch die Sonne zittern, steigt sie hinab zu deinen Wurzeln, um sie in ihrem Festhalten zu erschüttern. Wie Garben von Korn sammelt sie dich um sich. Sie drischt dich, um dich zu entblößen. Sie siebt dich, um dich von der Spreu zu trennen. Sie zermahlt dich bis zur Weiße. Sie knetet dich, bis du geschmeidig bist, und dann übergibt sie dich dem heiligen Feuer, damit du heiliges Brot wirst für das heilige Festmahl Gottes.»

 

Schuberts Musik erschüttert unsere Wurzeln in ihrem Festhalten, sie knetet uns, um uns geschmeidig zu machen, sie übergibt uns dem Feuer, aber sie belässt uns nicht in diesen Kämpfen. Sie zeigt uns eben auch das andere Gesicht der Liebe, die Gibran ebenfalls so eindrücklich beschreibt:

 

«Und glaube nicht, du könntest den Lauf der Liebe lenken, sondern die Liebe, wenn sie dich würdig findet, lenkt deinen Lauf. Liebe hat keinen anderen Wunsch, als sich selbst zu erfüllen. Wenn du liebst und noch wünschen musst, so seien deine Wünsche: zu schmelzen und einem plätschernden Bach gleich zu werden, der sein Lied der Nacht singt; die Pein allzu vieler Zärtlichkeiten zu kennen; wund zu sein von deinem eigenen Begreifen der Liebe und willig und freudig zu bluten; zur Zeit der Morgenröte zu erwachen mit überströmendem Herzen und zu danken für einen neuen Tag der Liebe; in der Mitte des Tages innezuhalten und den Verzückungen der Liebe nachzusinnen; in der Abenddämmerung dankbar heimzukehren und einzuschlafen mit einem Gebet für deinen Geliebten in deinem Herzen und einer Lobpreisung auf deinen Lippen.»

 

Wir hören Schubert um innezuhalten und den Verzückungen der Liebe nachzusinnen.

 

Klaus Christa