Ich denke unweigerlich an die drei Fragen des jüdischen Lehrers Rabbi Hillel:

 

Wenn Du nicht für Dich selbst bist, wer dann?

Und wenn Du für Dich bist, wer bist Du dann?

Und wann, wenn nicht jetzt?

 

Wir wissen nicht, ob Franz Schubert diese Fragen gekannt hat. Aber er hat sie auf jeden Fall mit seinem Leben beantwortet.

Bereits im Knabenkonvikt, das er als Sängerknabe der Wiener Hofkapelle besuchte, erwachte seine Leidenschaft fürs Komponieren in einem Maße, das ihn alle anderen Schulfächer vernachlässigen ließ. Sein deswegen verzweifelter Vater, der selbst Lehrer war, belegte ihn mit dem Verbot, nach Hause zu kommen. Für den 13-jährigen Schubert war dies eine traumatische Erfahrung. Erst der Tod seiner Mutter brachte den 15-Jährigen und seinen Vater an ihrem Grab wieder zusammen.

 

Nachdem es Schubert unmöglich war, neben seiner Leidenschaft, dem Komponieren, seine Arbeit als Hilfslehrer bei seinem Vater zu versehen, gab er diese Stelle nach vier Dienstjahren im Alter von 21 Jahren gegen den Willen des Vaters auf. Was dann folgte, waren zehn Jahre ohne geregelte Einkünfte. Auch keine eigene Wohnung, keine äußeren Erfolge, keine Verleger, die

sich für seine Werke interessierten, keine Geliebte, keine eigene Fami- lie, kaum Aufführungen seiner Kompositionen, keine öffentliche Anerkennung. Ein paar Freunde und rastloses Komponieren, das war der sichtbare Teil dieses Lebens. An der Oberfläche betrachtet sieht ein glückliches Leben anders aus. Aber an dem so schicksalhaften Tag, an dem er seinem Vater kündigte, hat er eine Frage ganz sicher radikal ehrlich beantwortet:

 

«Wer ist für mich, wenn nicht ich?» Und im gleichen Maße muss er in diesem Augenblick gefühlt haben: «Wann, wenn nicht jetzt?» Diese Entscheidung brauchte unglaublich viel Mut und Beziehung zu sich selbst. Wir können davon ausgehen, dass manche Stimme in seiner Umgebung ihn beschwörend gebeten hat, doch nicht die Sicherheit einer Lehrerstelle zugunsten seiner Liebhaberei, die kein Geld einbrachte, aufzugeben. Aber Schubert hatte innerlich gar keine Wahl und musste komponieren und zwar ununterbrochen. Der Kompromiss war ihm nicht möglich. «Wer ist für mich, wenn nicht ich?»

 

Und die zweite Frage: «Wenn Du für Dich bist, wer bist Du dann?» In Schuberts Fall ist die Antwort aus heutiger Sicht überwältigend: Seine Musik ist für Millionen Menschen eine Quelle des Trostes und der Freude. Das Ausmaß an Glück, das

er damit in die Welt brachte, die Anzahl getrösteter Menschen und gewärmter Herzen ist völlig unüberschaubar. Er hat in seinem kurzen Leben ein so großes und großartiges Werk geschaffen, dass allein die Schreibarbeit in dieser Zeit fast nicht

zu bewältigen war.

 

Um noch einmal auf das Jahr der Entscheidung, 1818, zurückzukommen: In seiner Erzählung «Mein Traum» erfahren wir,

wie schmerzhaft es war, seinen Vater zu enttäuschen und den Stempel eines «Nichtsnutzes» auszuhalten.

 

«(...) Von dieser Zeit an blieb ich wieder zuhause. Da führte mich mein Vater wieder einstmahls in seinen Lieblingsgarten.

Er fragte mich ob er mir gefiele. Doch mir war der Garten ganz widrig und ich getraute mir nichts zu sagen. Da fragte er mich zum zweitenmahl erglühend: ob mir der Garten gefiele? – Ich verneinte es zitternd. Da schlug mich mein Vater und ich entfloh. Und zum zweiten mal wandte ich meine Schritte, und mit einem Herzen voll unendlicher Liebe für die; welche sie verschmähten, wanderte ich abermals in ferne Gegend. Lieder sang ich nun lange, lange Jahre. ‹Wollte ich Liebe singen, ward sie mir zum Schmerz; Und wollte ich wieder Schmerz nur singen, ward er mir zur Liebe.› »

 

Mir fehlt die klare Antwort auf die Frage, was ein glückliches Leben genau bedeutet. Aber eines glaube ich zu wissen:

Franz Schubert hat seine Leiter an die richtige Mauer gestellt.

 

 

Klaus Christa

 

 

 

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