Nach dem Tode Beethovens wurde in seinem Sterbezimmer in einer Schublade ein Brief gefunden, der eine Frage aufgeworfen hat,

die die Musikwissenschaft bis heute in einem Maß beschäftigt, das seinesgleichen sucht: Der Brief an die «Unsterbliche Geliebte».

Die Frau, die Beethoven hier anspricht, ist die Liebe seines Lebens. Da er den Brief nie abgeschickt hat und die Empfängerin nur mit: «Mein Engel, mein Alles, mein Ich» anspricht, wissen wir nicht mit letzter Sicherheit, welche Frau er in diesem Brief gemeint hat.

 

Im 20. Jahrhundert ist eine leidenschaftliche Diskussion um die Identität der «Unsterblichen Geliebten» entbrannt, die zahlreiche Buchpublikationen hervorgebracht hat. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Diskussion auf zwei Kandidatinnen zugespitzt: Josephine von Brunsvik und Antonie Brentano. Frage an Sie, Frau Steblin: Kann man das so sagen? 

 

Ja.

 

Frau Dr. Rita Steblin, wir freuen uns, mit Ihnen als jene Musikwissenschaftlerin zu sprechen, die die entscheidenden Beweise und Argumente zur Identifizierung von Josephine von Brunsvik als die «Unsterbliche Geliebte» eingebracht hat und das Rätsel mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit gelöst ist. Wie sind Sie in diese ja doch ziemlich hitzige Diskussion hineingeraten?

 

Mein Interesse für Josephine Brunsvik als die «Unsterbliche Geliebte» wurde durch Marie-Elisabeths Tellenbachs Buch «Beethoven und seine Unsterbliche Geliebte» aus dem Jahre 1983 geweckt, welches ich in den späten Achtzigerjahren in meiner Heimatstadt Vancouver gelesen habe. Sie war der Meinung, dass es sich bei der Geliebten um Josephine Brunsvik handelt. Im Gegensatz dazu vertrat der amerikanische Musikwissenschaftler Maynard Solomon 1972 die Theorie, dass Antonie Brentano Beethovens Geliebte gewesen sei. Nachdem ich 1991 nach Wien umzog, um an den Ikonographien von Schubert und Beethoven zu arbeiten, begriff ich, wie fehlerhaft Solomons Ansatz war. 1999 wurde ich dann für ein dreijähriges kanadisches Forschungsstipendium auserwählt, um über Franz Schubert und seinen Freundeskreis zu forschen. Das Stipendium war so gewidmet, dass ich es nicht zur Deckung meiner Lebenskosten in Wien ausgeben durfte, aber Forschungsreisen außerhalb Wiens waren erlaubt. Das führte dazu, dass ich nach Jindřichův Hradec, Prag, Budapest, Pressburg, Brünn und Bonn reiste. Überall dort gab es Material über Schuberts Freund Beethoven und seine Geliebte Josephine. 

 

Welche Überlegungen haben Sie zu ihrer Position geführt und wie haben Sie die entscheidenden Indizien entdeckt?

 

Beethoven schrieb am 6. und 7. Juli 1812 in Bad Teplitz seinen Brief an die namenlose «Unsterbliche Geliebte», nachdem er diese Frau ein paar Tage davor unerwartet in Prag getroffen hatte. Ich wusste, dass Beethoven in den Jahren von 1804 bis 1810 leidenschaftlich in die verwitwete Gräfin Brunsvik-Deym (1779–1821) verliebt war. Sie war für den Komponisten unglaublich wichtig, wie die fünfzehn Liebesbriefe, die er in dieser Zeit an sie schrieb, verraten. In diesen Briefen nennt er Josephine seine «einzige Geliebte», sein «Alles», und den «Engel seines Herzens». Ihre «Gedanken und Gefühle» hatten so «große Ähnlichkeit» zu den seinen. Es war ihr «ganzes Selbst» mit all ihren individuellen Qualitäten, die ihn zu ihr geführt hatten. Das Wissen darum, «ihr Herz gewonnen zu haben», würde seine Produktivität steigern; ihr Charakter war nur von Vorteil für ihn.

 

Wir besitzen keine anderen Briefe Beethovens an irgendeine Frau, in denen er so innige Gefühle der Zuneigung ausdrückt – mit Ausnahme des Briefes an die «Unsterbliche Geliebte», der mit «Mein Engel, mein Alles, mein Ich» beginnt. Als ich aus innerpsychologischen Gründen völlig überzeugt war, dass Josephine diese ungenannte, geheimnisvolle Person ist, begann ich intensiv in den Papieren, die sie auf ihrem Gut hinterließ, zu forschen. Diese Papiere liegen seit den späten 1940er Jahren im tschechischen Nationalarchiv in Jindřichův Hradec. 

In einem von Josephines Tagebüchern vom Juni 1812, die Zeit, in der sie von ihrem zweiten Ehemann, Christoph Freiherr von Stackelberg, getrennt war, fand ich die Notiz: «Ich will Liebert in Prag sprechen», was darauf hinwies, dass sie nach Prag reisen wollte. Das war der entscheidende Schlüssel, der auf Josephines Anwesenheit in der böhmischen Hauptstadt im frühen Juli hinwies, als Beethoven diese geheimnisvolle Frau dort traf.

 

Sie haben sich ja intensiv mit dem Leben von Beethovens «Unsterblicher Geliebten» Josephine von Brunsvik beschäftigt. Können Sie uns einige wichtige Dinge aus Josephines Leben erzählen?

 

Genau neun Monate nach dem Treffen in Prag brachte Josephine ihr siebtes Kind zur Welt. Ich bin überzeugt, dass sie Beethovens Tochter war. Aber Josephine konnte ihren Ehemann Stackelberg von seiner Vaterschaft überzeugen und ihm das «Kuckuckskind» unterjubeln. Es gibt einige Einträge in Beethovens Tagebuch des Jahres 1812 und in seinen späten Konversationsbüchern, die darauf hinweisen, dass er wusste, dass Minona (von hinten gelesen: Anonim) sein Kind war. Dies habe ich alles in meinem Artikel «Unsterbliche Geliebte, des Rätsels Lösung» in der ÖMZ 64/2 (2009) dargelegt. Minona wurde von Stackelberg 1814 «gekidnappt». Er erreichte eine Verfügung, dass er sie mit ihren beiden Schwestern Maria Laura und Theophile mitnehmen konnte, gab sie dann zu einem Pfarrer in Böhmen und danach wuchsen sie in Estland, seiner Heimat, auf. Minona blieb zeitlebens unverheiratet und zog später nach Wien, wo sie im Palais Cavriani in der Habsburggasse 5 wohnte. Sie ist auf dem Zentralfriedhof beerdigt, nicht weit vom Grab Beethovens. 

 

Josephines weiteres Leben war sehr tragisch. 1815 brachte sie ein achtes Kind, Emilie, zur Welt, deren Vater ein zwielichtiger Lehrer namens Karl Eduard von Andrehan-Werburg, genannt Andrian, war. Dieses Kind starb im Alter von zwei Jahren an den Masern. Josephine litt an Darmkoliken, wurde bettlägerig und starb am 31. März 1821, kurz nach ihrem 42. Geburtstag.