ABENTEUER RE:SONANZ

AUFBRÜCHE

SA 15. SEPTEMBER 2018 | 17 uhr

Frauenmuseum Hittisau

Das Programm ABENTEUER RE:SONANZ findet bei den Konzerten in Feldkirch in einer sehr ausladenden Form statt, die in Hittisau so nicht möglich ist. Den intimen Rahmen und die beschränkten Platzkapazitäten des Frauenmuseums betrachten wir als Einladung, das Gespräch mit unserem Gast, der Philosophin und Autorin Natalie Knapp, in den Mittelpunkt zu rücken.

Sie hat das hinreißendes Buch «Der unendliche Augenblick» geschrieben, das sich mit Übergängen verschiedenster Art auseinandersetzt und damit das Thema dieses Konzertes vertieft. Wir freuen uns schon sehr darauf, sie in den Gesprächen im Rahmen des Konzertes näher kennenzulernen.

Musikalisch stellen wir einen der spannendsten Übergänge der Musikgeschichte in den Mittelpunkt: Die üppige Fülle der «Verklärten Nacht» von Arnold Schönberg war nicht mehr zu überbieten und so wagte Anton Webern den Schritt in die totale Reduktion. Seine Bagatellen op.9 wirken wie musikalische Haikus, die eine Welt in einem Zweizeiler einfangen.

 

 

 

Joseph Haydn (1732–1809) Streichquartett op. 9 N°4 d-Moll Hob III:22

 

Arnold Schönberg (1874–1951) Verklärte Nacht op. 4 Streichsextett

 

Anton Webern (1883–1945) Bagatellen op. 9

 

Epos:Quartett

Christine Busch und Verena Sommer Violine

Klaus Christa Viola

Francois Poly Violoncello  

 

mit Guy Speyers Viola & Mathias Johansen Violoncello

 

 

 

«ALS HÖRENDE ERWECKEN WIR DIE MUSIK ERST ZUM LEBEN.»

INTERVIEW MIT NATALIE KNAPP – NATALIE KNAPP PHILOSOPHIN UND AUTORIN 

 

Alles wirkliche Leben ist Begegnung, sagt Martin Buber.

Können Sie uns seinen Gedanken etwas genauer ausführen? 

Die Schweizer Psychoonkologin Sabine Lenz wurde einmal von einer todkranken Patientin gebeten, ihr einen guten Grund zu nennen, warum sie auf den Tod warten solle anstatt die Sache abzukürzen und sich unmittelbar das Leben zu nehmen. Sabine Lenz antwortete, es gebe keinen tieferen Grund lebendig zu bleiben als den, dass man mit anderem Lebendigem noch etwas Wesentliches zu teilen habe. Eine Berührung, ein Lächeln, einen Gedanken, eine Angst. In dieser Antwort liegt für mich eine der schönsten Erklärungen für den Grundgedanken Martin Bubers: Leben heißt Teilen und Mitteilen von Lebendigkeit. Und das Teilen von Lebendigkeit nennen wir eben Begegnung. Deshalb haben viele Sterbende den Wunsch zu gehen, wenn ihr Körper oder ihre Seele keine Kraft mehr hat zu antworten, wenn sie angesprochen werden. Aber solange eine Melodie ihr Herz erreicht oder das freudige Schwanzwedeln eines Hundes ihnen ein Lächeln entlockt, gibt es einen Grund zu leben.

 

Was brauchen Beziehungen, damit Sie uns durch unsichere Zeiten tragen können? 

Stabile Beziehungen entstehen meist durch einen möglichst zweckfreien
und lebendigen Austausch von Gaben. Wir beschenken

uns gegenseitig mit Zuneigung, Zuhören, Zeit, Interesse, Wertschätzung und Lebendigkeit. Wir teilen Essen, Interessen, Werte und Witze. Dadurch entstehen soziale Netzwerke, die von Vertrauen und Liebe getragen sind. Solche Beziehungsnetze gehören zu den wichtigsten Säulen unseres psychologischen Immunsystems. Sie stellen sicher, dass wir uns in Krisenzeiten auf die Kraft der Gemeinschaft verlassen können. 

 

Können die Kunst allgemein und die Musik im Besonderen diese Funktion erfüllen? 

Wenn wir die Musik durch unsere Sinne und unsere Gefühle lebendig werden lassen, erlöst sie uns von unserer begrenzten Alltagsperspektive. Wir erleben, dass sich jenseits unserer Probleme etwas Schönes ereignet, an dem wir aktiv beteiligt sind. Denn als Hörende sind wir ein Teil des musikalischen Ereignisses, wir sind Melodie und Harmonie, Stille und kreative Überraschung und damit sehr viel mehr als Kummer und Sorgen. Als Hörende erwecken wir die Musik erst zum Leben und wie zum Dank erweckt sie dann uns zum Leben. Deshalb hat die Kunst in Krisenzeiten eine besondere Bedeutung.

 

Es scheint, dass sich Phasen der zivilisatorischen Unsicherheit zyklisch wiederholen, woran liegt das? 

Jede Zivilisation ist auf Phasen der Unsicherheit angewiesen, um sich entwickeln
zu können. Vermutlich dauern die Zeiten des Wandels ebenso lang wie die Zeiten der Stabilität. Ganz ähnlich wie in der menschlichen Entwicklung. Wir tun immer so als gäbe

es da sehr viel Stabilität, aber wir sind zehn oder zwölf Jahre Kind,
dann kommt der erste große Bruch. Die Pubertät und Jugendzeit dauert dann im Grunde genommen bis Ende zwanzig. Dann hat man fünfzehn Jahre Ruhe und dann beginnt schon der nächste große Wandel, der uns wiederum verunsichert. Mit der Entwicklung der Menschheit verhält es sich ähnlich. Nur dass die einzelnen Phasen sehr viel länger dauern. Zeiten der Unsicherheit und Instabilität scheinen von der Evolution vorgesehen zu sein, um Wandel und Entwicklung zu ermöglichen. 

 

Lernen wir daraus oder machen wir immer wieder dieselben Fehler? 

Albert Schweitzer sagte einmal: «Ich bin Leben, das leben will inmitten von Leben, das leben will.» Wenn wir das Leben als Wert anerkennen und davon ausgehen, dass eine Kultur die Lebendigkeit möglichst vieler Lebewesen stärken sollte, dann machen wir

im Augenblick viele Fehler. Aber ich spreche eigentlich nicht so gerne von Fehlern, weil dadurch die Vorstellung entsteht, dass es irgendwo eine Kontrollinstanz gibt, die unser Leben nach festgelegten Kriterien bewertet. So
als gäbe es eine richtige und eine

falsche Version vom Leben. Das Problem ist aber, dass es für das Leben keine Anleitung gibt. Es gibt nur Erfahrungen, die von

ver- schiedenen Menschen und Kulturen unterschiedlich bewertet werden. Und unsere westliche Kultur stellt derzeit kollektiv

den Wert des materiellen Wohlstandes
weit über den Wert des geteilten Lebens. Daher reagiert der Markt auch nicht auf die Umweltzerstörung, den Klimawandel oder das massenhafte Artensterben. Albert Schweitzer hätte das für einen Fehler gehalten,

aber viele Menschen halten es immer noch für Glück.

  

Haben Sie ganz praktische Ratschläge, wie wir mit der Unsicherheit in Zeiten des Übergangs fertig werden können?

Es ist von zentraler Bedeutung, das Gefühl der Unsicherheit neu zu bewerten. Denn die Unsicherheit sagt uns nicht, dass wir etwas falsch machen, sondern nur, dass sich in unserer Kultur etwas entwickelt, das wir noch nicht kennen. Da entsteht gerade etwas Neues, das wir nicht mit Routine bewältigen können. Wenn wir uns unsicher fühlen, sind wir aufgefordert, einen Weg zu einer neuen Stabilität zu bahnen. Der inzwischen verstorbene Quantenphysiker Hans-Peter Dürr hat einmal zu mir gesagt: Nicht zu wissen wie es geht, ist die Voraussetzung dafür, dass ich mich überhaupt mit etwas beschäftige. Nur so kann etwas Neues entstehen.

Karten: Frauenmuseum Hittisau, Platz 501, 6952 Hittisau

T +43 5513 620930, kontakt@frauenmuseum.at und an der Abendkasse