MUSIK IN DER PFORTE 2018

ALLES WIRKLICHE LEBEN IST BEGEGNUNG

In seinem Hauptwerk «Ich und Du» entwirft Martin Buber eine mitreißende Theorie zum Thema Begegnung. Er unterscheidet zwischen Ich und Du sowie zwischen Ich und Es. 

Wenn wahre Begegnung stattfindet, verwendet Buber den Begriff Du. Dieses Du kann ein Mensch sein, ein Tier, ein Buch, ein Baum, eine Landschaft oder das große Du. Das Wesentliche in der wirklichen Begegnung ist, dass zwischen dem Ich und dem Du etwas geschieht, das sich unserer Kontrolle entzieht; etwas, das aus dieser Begegnung wächst. Das Miteinander entwickelt sich jenseits unserer Kontrolle. 

 

Dem stellt Buber die Beziehung Ich und Es gegenüber. Damit meint er etwas, das wir heute nicht mehr zu lernen brauchen: Wenn wir planen, abwickeln, Listen abarbeiten, strukturieren, dann handelt es sich mit großer Sicherheit um die Begegnung zwischen Ich und Es. Hier kontrollieren wir und setzen Dinge um, aber es kommt zu keiner Begegnung. 

Entscheidend ist für Buber die Balance zwischen diesen beiden Weisen, mit der Welt in Kontakt zu treten: Wirkliche Begegnung verwandelt uns, erschließt neue Räume und vermittelt uns das Gefühl, ins Leben eingebettet zu sein, Ich und Es hilft uns lediglich, den Überblick nicht zu verlieren. 

 

Begegnung in Bubers Sinne – das war auch die Vision der ersten Stunde, die uns anspornte, Musik in der Pforte zu gründen. Wir waren entschlossen, all die Dinge aus dem Weg zu räumen, die echte Begegnung erschweren oder gar verhindern. Zum Beispiel den Gedanken, nicht genug über klassische Musik zu wissen, nichts davon zu verstehen. Diese Vorstellung hindert oft daran, unseren Sinnen zu trauen, weil wir uns nicht ernst genug nehmen.

Als wir mit Musik in der Pforte starteten, war uns klar, dass wirkliche Begegnung mit den Meisterwerken der Musikgeschichte nur in einer herzlichen, von Offenheit und Freiheit gezeichneten Atmosphäre gelingen kann. Wir waren überzeugt: Wenn wir die richtigen Fragen im Kontext des Konzerts stellen, finden viel mehr Menschen einen Zugang zur Musik als in kommentarlos abgelieferten Aufführungen. Wir waren auch überzeugt, dass diese Programmidee sowohl für Interpretierende als auch für Zuhörende hilfreich sein kann, um sich ganz auf diese Begegnungen einzulassen. Und wir waren überzeugt, dass wir ein Wagnis eingehen müssen, um in diesen Raum der Begegnung zu kommen, denn Begegnung und Kontrolle schließen sich aus.


20 Jahre reisen wir nun schon auf diesem Pfad und tragen mittlerweile einen Schatz großartiger Erinnerungen an ergreifenden, belebenden und erleichternden Begegnungen in unseren Herzen: Vieles gelang, manche Wagnisse entpuppten sich als falsche Spur – aber im anschließenden Austausch mit unserem Publikum konnten wir diese Erfahrungen immer reflektieren. 

Der Raum der Begegnung nach dem Konzert war für uns eine reiche Quelle des Dialogs. Wir ahnen nun, was möglich ist. 

 

In diesem Sinne freuen wir uns auf die nächsten 20 Jahre, in denen wir diese Erfahrungen vertiefen und intensivieren werden, gemeinsam mit einem Publikum, das uns ein liebes Du geworden ist. 

Auf weitere 20 Jahre! 

Klaus Christa

Bratschist und künstlerischer Leiter von Musik in der Pforte