«Zögere nie, weit fortzugehen, hinter alle Meere, alle Grenzen, alle Länder, allen Glauben.»

Amin Maalouf (*1949)

 

Reisen ist wahrscheinlich eines der verbindlichsten Symbole der Freiheit. Und wenn wir eine Reise antreten, die uns sehr weit weg führt und sehr lange dauern soll, dann überkommt uns unter Umständen ein Hin- und hergerissensein zwischen Neugier und Furcht. Auch freudige Erregung und schlotternde Knie sind Nachbarn bei solchen Aufbrüchen.

 

Als Antonin Dvořák im Jahre 1892 die größte Reise seines Lebens antrat, dürfte seine Gemütslage ähnlich gewesen sein: Die Mäzenin Jeannette Thurber hatte ihn als Direktor des Konservatoriums nach New York berufen, in der Hoffnung, dass er als renommierter tschechischer Komponist, der einen tschechischen Nationalstil geprägt hatte, den jungen amerikanischen Komponist*innen die Vision eines amerikanischen Stiles vermitteln würde. Das finanzielle Angebot war lukrativ und ein größeres Reiseabenteuer damals nicht denkbar. Die Opfer für den Familienmenschen Dvořák waren groß: Nur seine Frau und die zwei ältesten Kinder konnten ihn auf dieser Reise begleiten, die jüngeren vier Kinder mussten in Tschechien bleiben und würden ihre Familie nur in den Sommermonaten besuchen können.

 

Im September 1892 erreichte die Familie New York und Dvořák trat mit Freude seine Stelle am Konservatorium an. Er lernte hier die Musik der indigenen Bevölkerung ebenso kennen wie die Spirituals der Afrokamerikaner aus den Südstaaten. Seine Begeisterung war groß und er ortete in der Musik der indigenen Bevölkerung und der Afroamerikaner die Grundlage für eine amerikanischen Nationalmusik. Wenn wir an die Black Lives Matter-Proteste im Jahr 2020 denken, können wir uns vorstellen, dass dieser Zugang Dvořáks 1892 nicht allen amerikanischen Musiker*innen gefiel.

 

Den Sommer verbrachte die Familie in Spilville, einer sehr kleinen Stadt in Iowa, die heute 450 Einwohner zählt und überwiegend von tschechischen Immigranten bevölkert war. Die Zeit in Spilville war eine Periode des puren Glücks für Dvořák. Er war mit seiner ganzen Familie vereint – die jüngeren Kinder waren nun nachgereist – er genoss die Schönheiten der Natur und konnte sich dem Angeln und Komponieren widmen. Sein Sohn Otokar erlebte diese Kombination als eher unangenehm, wie sein Bericht belegt:

 

Ich erinnere mich, wie gern Vater zu den Ufern des Turkey River ging, wie er dort in der völligen Stille den zarten Tönen der Natur lauschte (...) Wir wollten Vater seinen Gedanken überlassen und selbst angeln gehen. Vater kamen jedoch die Einfälle schneller, als wir mit unseren Vorbereitungen fertig waren, und so geschah es, dass er schon nach kurzer Zeit zu uns zurückkam und befahl: Jungs, packt euer Angelzeug zusammen, wir gehen heim! Ich brachte meine Verwunderung darüber zum Ausdruck, dass der Spaziergang zu diesem, seinem Lieblingsort so plötzlich enden sollte. Er erwiderte knapp: ‹Ich habe bereits so viel auf meiner Manschette notiert, dass sie ganz voll ist.› Zu dieser Zeit schrieb Vater gerade sein Quartett F-Dur, op. 96. Die Motive dazu sind ihm in meiner Nähe an den Ufern des Turkey River eingefallen, wo so mancher Fisch mir nur deshalb wegschwamm, weil seine Hemdmanschetten bereits voller Noten waren. Vater brachte vom Fluss den ganzen Aufbau eines Satzes mit, während ich mit leeren Händen heimkehrte.

 

Das Glück, die ganze Familie um sich versammelt zu sehen, kombiniert mit den Eindrücken der herrlichen Natur um Spilville, all das befeuerte Dvořáks Kreativität und gerade die Inspiration, die er durch die Musik der indigenen und der afroamerikanischen Bevölkerung empfing, entfesselte auch das tschechische National- kolorit in seinem Schaffen. Die Begegnung mit dem Anderen führte Dvořák zum Eigenen. Aus einer anderen Welt, so befand der berühmt-berüchtigte Wiener Musikkritiker Eduard Hanslick (1825–1904), sei diese Musik, zu der Dvořák auf seiner großen Reise nach Amerika – und zu sich selbst – gefunden habe.

 

Klaus Christa