«Frei ist die Tonkunst geboren und 

frei zu werden ihre Bestimmung.»

Ferruccio Busoni (1866–1924)

 

Der deutsch-italienische Pianist und Komponist Ferruccio Busoni hatte in seinem Entwurf einer Ästhetik der Tonkunst die bezwingende Idee, die Musik als das richtungsweisende Symbol der Freiheit zu identifizieren. Wenn wir uns vergegenwärtigen, 

wie geheimnisvoll das Phänomen der tönenden Luft ist – schwingende Mundstücke oder Saiten werden durch Resonanzkörper 

aus Holz oder Metall verstärkt – dann erschüttert uns, befreit uns, verwandelt uns, was unser Ohr erreicht und uns tief in der Seele berührt. Wenn wir versuchen, dieses Phänomen gedanklich zu erfassen, dann müssen wir Begriffe wie Wunder oder Geheimnis zu Hilfe nehmen.


Für Busoni beginnt die Geschichte der abendländischen Tonkunst erst mit der Verschriftlichung der Mehrstimmig- keit im 15. Jahrhundert und sie ist damit die Jüngste unter den Künsten. So jung es ist, dieses Kind, eine strahlende Eigenschaft ist an ihm schon erkennbar, die es vor allen seinen älteren Gefährten auszeichnet. Und diese wundersame Eigenschaft wollen die Gesetzgeber nicht sehen, weil ihre Gesetze sonst über den Haufen geworfen würden. Das Kind – es schwebt! Es berührt nicht die Erde mit seinen Füßen. Es ist nicht der Schwere unterworfen. Es ist fast unkörperlich. Seine Materie ist durchsichtig. Es ist tönende Luft. Es ist fast die Natur selbst. Es ist frei.


In der Zeit des Lockdowns im Frühling 2020 war genau diese nahezu mysteriöse Eigenschaft der Musik ihre rettende Qualität. Von Balkonen herab überwand sie die Sicherheitsdistanzen, aus Wohnzimmern konnte sie durch Handynetze und Computernetze in die Bild- schirme der Nutzer schlüpfen, um dort in einer Zeit, die oft von Sorge und Alleinsein geprägt war, das Gefühl von schwebender Hoffnung und Gemeinschaft zu wecken.

 

Busoni geht in seinen Ausführungen so weit, dass er der menschlichen Begabung zur Freiheit misstraut: Freiheit ist aber etwas, das die Menschen nie völlig begriffen noch gänzlich empfunden haben. Sie können sie nicht erkennen noch anerkennen. Sie verleugnen die Bestimmung dieses Kindes und fesseln es. Das schwebende Wesen muß geziemend gehen, muss, wie jeder andere, den Regeln des Anstandes sich fügen; kaum, daß es hüpfen darf – indessen es seine Lust wäre, der Linie des Regenbogens zu folgen und mit den Wolken Sonnen- strahlen zu brechen.

 

Was wäre, wenn Busoni mit seiner Behauptung recht hätte, dass wir Menschen die Freiheit nie völlig begriffen noch gänzlich empfunden hätten? Wie wäre es, wenn wir das Wunder der Musik bräuchten, um die Freiheit er- kennen und anerkennen zu können? Wir finden Busonis Idee so mitreißend und alternativlos, dass wir mit Ihnen aufbrechen wollen, um mit Hilfe der Musik der Linie des
Regenbogens zu folgen und mit den Wolken Sonnenstrahlen zu brechen.

Klaus Christa